Justin Achilli über die Person hinter dem Vampir und die Wichtigkeit der Sprache (Und der größte VtM Übersetzungsfehler)

Justin Achilli, seines Zeichen Entwickler für Vampir: Die Maskerade, gerade in der dritten Edition, hat einige Twitter-Threads produziert, in dem er sich mit verschiedenen Aspekten des Spiels und Settings befasst.

In diesem Beitrag teile ich seine Gedanken zu der Person hinter dem Vampir und der Wichtigkeit einer bewussten Wortwahl. Gerade das letzt erwähnte, ist ein Thema bei dem ich durchaus leidenschaftlich werden kann.

Die Person hinter dem Vampir

Justin Achillis Twitter Thread über die Person hinter dem Vampir

Jedes Kindred war, bevor es zum Vampir wurde, eine Person. Es gibt keine generischen Vampire. Auch wenn sich der Hunger durch die Erschaffung nach vorne drängt, so geschieht das im Rahmen der anderen Eigenschaften der Persönlichkeit des Kindred.

Dies wird auf dem Charakterblatt (unabhängig von der Edition) durch die Begriffe des Konzept, der Ambition, des Wesens, des Verhaltens und andere Aspekte wiedergespielt, aber es geht über die Figur des Spieler-Charakter hinaus. Jeder Vampir hat ein Potential, Ziele, und eine individuelle Persönlichkeit.

Jeder Sire wählt sein Kind aus einem Grund – selbst wenn dieser nichts mit dem zu tun hat, was das Kind zu Lebzeiten war. Manchmal wählt ein rachsüchtiger Sire seine Nachfolge aus Grausamkeit oder Niedertracht aus, aber das Opfer war davor immer ein vollständiges Individuum.

Viele Spieler und Erzähler fangen die Charaktererschaffung beim Clan oder einem anderen Fraktions-basierten Ansatz an. Das ist okay, aber nicht die einzige Art und Weise es anzugehen. Fiktionale Charakteren werden dadurch lebendig, dass sie mehrere Dimensionen haben.

Es ist beispielsweise leicht das ein Konzept eines Vampires auf der Basis „Gangrel“ oder Anarch“ aufzubauen. Was aber passiert mit dem Vampir, wenn die Konzeptionierung bei „alleinerziehender Vater“ oder „Flüchtling“ ansetzt?
Wie beeinflusst das Vampir-Dasein diesen Aspekt ihres (früheren) Leben?

Die Charakterisierung kaskadiert mannigfaltig von da aus. Es gibt sehr viele Konzepte für Vampire die alleinerziehende Väter waren, von den in den Nachwuchs vernarrten bis hin zu welchen die Missbrauch begingen. Ein vampirischer Flüchtling kann ein Kindred sein das aufgrund der Politik heimatvertrieben wurde, oder ein kriminelles Subjekt das versucht dem Gesetzt zu entkommen.

Wie auch mit den Clans, ist dieses Konzept keine Beschäftigung oder Job. Was war, was der Person das wichtigste im Leben gewesen ist? Wie haben sie ihre freie Zeit verbraucht? Was haben sie geliebt; wo gegen waren sie? Was war – und ist – ihnen wichtig?

Viele traditionelle RPGs definieren die Charakteren im Rahmen eines „Nischenschutz“. Das heißt, welche Rolle die Spieler in verschiedenen Systemen annehmen, so etwas wie Zauberer, Heiler, Tank, Schadensausteiler etc.

(Es ist nicht falsches dran das man die Rollen strategisch verteilt. Es ist ein Teil dessen, was viele Spiele anbieten)

Die Welt der Dunkelheit meidet dies im Allgemeinen. Teilweise aufgrund dessen, dass sie die moderne Vielfältigkeit versucht zu vermitteln. Teilweise aufgrund ihrer literarischen Ursprünge. Die essentielle Erfahrung von Vampire ist der persönliche Horror.

Dies erstreckt sich, wie immer, über die gesamte WoD. Es gibt keine generischen Werwölfe, Wechselbälger etc. Jeder Person ist in erster Linie eine Person und dann irgendwann später die jeweilige „Wesenseinheit“.

Meine 2 cents

Meines Erachtens kann man sowohl den Clan als Konzept Grundlage nutzen, und dann die Person nachschieben. Nur weil ich ein/e „Giovanni“ spielen will, leitet sich daraus noch nicht ab, was der Charakter war.

Ich würde dem Punkt, dass Vampire keine Funktionen wie „Spellcaster, Tank, Healer, Damage Dealer etc.“ bietet widersprechen. Die Clans machen genau das. Sie nehmen einen Charakter und der hat danach Fähigkeiten die ihn zum Spellcaster (Tremere), Healer (Salubri), Damage-Dealer (Brujah) machen. Wo Charaktere anderer Clans, nicht so leicht hereinpfuschen können.

Die Wichtigkeit von Worten

Justin Achillis Twitter-Thread über die Wichtigkeit von Worten

Überleg dir was du sagst! Wähle deine Worte in Vampire: Die Maskerade sorgfältig und passend, betone mit diesem den Seinszustand der Kindred.

Als Beispiel,  lass Kindred Bezüge herstellen wie „diesen Abend“, „diese Nacht“, „in mehrere Nächte“ und dergleichen mehr. Solange sie sich nicht direkt auf Ereignisse beziehen, die während des Tageslicht stattfinden, sprechen sie oft nicht von Tagen.

Aus dem selben Grund sagen Kindred oftmals „Sterblicher“ anstelle von „Mensch“. Aus der thematischen Perspektive betrachtet hilft der Begriff „Sterblicher“ dabei sich von dem zu unterscheiden was Vampire eins warten. Sterbliche Belange sind anders (oder geringer, abhängig von der Ideologie) als jene der Untoten.

Und aus der Perspektive der Spielentwicklung, entscheidet sich „Sterblicher“ von „Mensch“ dadurch das es weniger wie eine Fantasy Rasse oder eine Spezies in Science Fiction Werken klingt.

Selbst das Wort „Kindred“ selbst ist eine bewusste Entscheidung der Vampire. Es gestattet ihnen einerseits sich als etwas anderes zu beschreiben, als das was sie gewesen sind – und dabei die Maskerade zu wahren. Es erlaubt ihnen ebenso etwas besseres zu sein, als die Monstren die sie tatsächlich sind.

Das trifft auf andere Variationen des Konzept ebenfalls zu. Sabbat Vampire bevorzugen den Begriff „Kainit“, weil dieser ihr Selbstbild als das rächende Schwert Kains untermauert.
Und welcher Vampir würde nicht unter dem poetischen Gewicht sich selbst als „Verdammte“ zu beschreiben erschauern?

Wenn ihr euch L.A. by Night anseht könnt ihr dieses Konzept in der Praxis erleben. Jason Carl (@vampiresnvino) ist besonders sorgfältig in der Wahl seiner Worte und bewusst dahingehend wie die Spieler dadurch diese die Welt der Dunkelheit erleben; ebenso wie es auf die Zuschauer wirkt.

Meine 2 cents

Ich stimme Justin Achilli aus ganzen Herzen zu. Sprache und Worte sind wichtig und prägen sowohl das Spiel als auch das eigene Leben. Weshalb bspw. die Entscheidung meinerseits dieses Blog auf Deutsch zu führen eine sehr bewusste war. Es spricht, hoffe ich, Personen die kein oder schlecht Englisch können, besser an. Ebenso wie mir das lesen, das Verständnis und die Übersetzung von englischen Texten dabei hilft die Sprache auf guten Niveau zu behalten.

Bezogen auf Vampire gibt es natürlich Worte, die sich durch die Übersetzung verändert haben. Einen Umstand, welchen ich zur Verständlichkeit des Spiels und hinsichtlich der Atmosphäre explizit begrüße.

Man kann natürlich sagen: „Der Prince Rutger gibt dir das Recht ein Childe zu embracen, weil dein Sire ihm einen entsprechenden Boon versprochen hat. Er sagt „Um jedoch die Masquerade zu wahren und der Tradition des Accounting genüge zu tun, muss es einen Schluck meiner Vitae nehmen“. Du siehst wie die anderen Kindred ihre Augen auf den Prince lenken. Scandalous!“ Allerdings kann man sich dann auch überlegen, ob man nicht gleich auf Englisch spielt.

Es gibt viele gute Übersetzungen.

Es gibt holprige Übersetzungen.
Man kann sich bspw. mit „Prinz“ anfreunden, auch wenn „Fürst“ besser wäre. So bezeichnet „Prinz“ im Deutschen normalerweise den Thronnachfolger und nicht den Herrscher.

Es gibt schlechte Übersetzungen, die absolut nicht in Ordnung gehen.
Es gibt eine Übersetzung, die mein sterbliches Herz entflammt, das Blut schneller durch die Adern strömen lässt und mein Gemüt hin zur cholerischen Wallung aufrührt.
Nicht weil das Wort schlecht ist, es ist tatsächlich poetisch, sondern weil es nicht passt;

(EN) Kindred <=> (DE) Kainskinder

In der deutschen Übersetzung, wird Kindred durchgehend mit Kainskinder übersetzt.

Vampire mit geflechten Fängen und Blut vor'm Mund - Artwork von Mark Kelly
Ich, kurz nachdem wer „Kainskind“ sagt – Direkt zum Hals!
(Artwork von Mark Kelly)

Das ist nicht nur dahingehend verheerend, dass der deutsche Begriff nichts mit dem englischen Begriff zu tun hat, sondern es steht im direkten Konflikt mit dem Setting sowie dem Kernkonflikt des Setting.

Kindred? Was bedeutet Kindred?
Kindred ist ein alter Begriff der normalen englischen Sprache.
Als Substantiv bezeichnet er Blutsverwandte und damit Verwandte. Wenn man ihn zur Beschreibung nutzt (bspw. „kindred spirit“), betont er die Gemeinsamkeiten bis hin zu einer Seelenverwandschaft.

Kindred ist Maskerade tauglich.
Es mag merkwürdig sein, dass die Person gegenüber davon spricht Blutsverwandte respektive entfernte Verwandte zu haben, aber Personen haben Blutsverwandte und entfernte Verwandte. Ebenso wie sie vielleicht sich zu einer bestimmte Religion oder einem Glauben hin als Seelenverwandte verbunden fühlen können.

Kindred ist eine Konsequenz der Doktrin der Camarilla.
Der Konflikt zwischen Camarilla und Sabbat, basiert nicht darauf das die Camarilla eine positive Einstellung zu den Sterblichen hat und der Sabbat nicht.
Es ist ein Propaganda-Aspekt mit dem sich die Camarilla nur zu gerne schmückt. Es wirkt positiv auf junge Vampire, welche bis vor kurzem noch Sterbliche waren, und es fördert das Selbstbild von gütigen, gerechten Herrschern. Dieses Selbstbild entspricht im Kern dem Herrschaftsanspruch der Skeksis über die Gelflinge in der Serie „The Dark Crystal“.

Tatsächlich beruht der Konflikt das der Sabbat, nach der Anarchen Revolte, sagte:

„Es gibt Kain, unser Urvater der das Wort über alle Vampire hat! Der zu Gehenna zurück kehren wird um zu richten! Es gibt (ur-)alte Vampire, welche versuchen uns Jüngere zu kontrollieren. Dies ist entgegen Kains Wille und deshalb sind wir sein Schwert das die verbrecherischen (ur-)alten Vampire richtet!“

Die Camarilla entgegnete darauf:

„Es gibt keinen Kain. Wir wissen nicht wer der Urvater der Vampire war. Sofern er existierte, wurde er vernichtet! Wir sind nicht dem Willen von uralten Vampiren unterworfen! Es gibt eine natürliche Ordnung zwischen den Ahnen und den Jungen; ein Anerkennung der Jungen zerstört die Gesellschaft und die Traditionen welche wir bestimmten! Der Krieg den ihr führt, geschieht auf der Grundlage einer Kreatur die es nicht gibt um uns zu verzehren! Es gibt weder Kain noch Gehenna!“

Die Camarilla hat den Begriff Kindred und damit Blutsverwandte nicht nur gewählt, weil er die Natur des Vampir im Sinne der Maskerade vertuscht, sondern weil der Begriff keinen historischen respektive religiösen Bezug hat.

Der Sabbat hat den Begriff Kainit (Cainite) gewählt, weil er im Namen trägt das sie zum Volk respektive Stamm Kains gehören. Sie sind Kainiten die Kains Schwert im Namen Kain zum richten nutzen um Kains Willen durchzusetzen und Kain bei der Rückkehr Milde gegenüber seinen Nachkommen walten zu sein.
Der Begriff ist ein Mittel, mit dem der Sabbat einen jungen Vampir sagen kann: „Wenn wir nicht wirklich wissen würden das es Kain gibt, wenn wir nicht wirklich überzeugt wären das es Kain gibt, dann wäre es sehr hirnrissig das wir seit mehreren hunderten von Jahren akzeptieren und sagen wir Kainiten sind! [Und findet ihr es nicht suspekt das euch ein Ahn sagt, dass die Ahnen und Alten gut sind?]“

Dementsprechend, ist es bei der Camarilla ein massiver Affront, wenn jemand bei einer Begegnung Kains Name in den Mund nimmt. Egal ob in der Form von „Kainit“ oder „Es gibt Kain“.

Die Anarchen werfen zu dem Konflikt von der Seitenlinie ein:

„Es ist uns egal ob es Kain gibt oder nicht, wir wollen einfach in Ruhe gelassen werden und nicht mehr wider eine Inquisition verheizt. Wir haben auch keinen Bock uns mit (ur-)alten Vampiren anzulegen.
Deshalb halten wir uns an die nötigsten Traditionen und sind dann mal weg.“

Was ist so schlimm an Kainskinder?

Für die englischsprachigen Leser, die Google Translate nutzen:
Der Begriff Kainskinder ist eine Wortkomposition und bedeutet übersetzt „children of Caine“. Wenn man ihn in der Form Kainskind nutzt ist es „child of Caine“.

Das heißt, die Camarilla, die in einem Krieg der Zeitalter (War of Ages) mit dem Sabbat kämpft, weil sie abstreitet das es Gehenna und viel weniger noch Kain gibt, weil sie für das Festhalten das es weder Gehenna noch Kain gibt bereit ist Mitglieder vernichtet zu sehen. Die bezeichnet die eigenen Mitglieder auf Deutsch als Kainskinder, anders gesagt Kinder Kains.
Vampire die von der Kreatur abstammen die es nach der eigenen Lehre nicht gibt und nicht geben darf selbst wenn es sie gibt! Vampiren, die sich zum Teil bewusst gewesen sein müssen das es Kain gibt, welche wissen das es eine Herausforderung ist neue davon zu überzeugen das es diesen nicht gibt, wählen als Begriff Kainskinder?

Das wäre als wenn eine atheistische menschliche Gesellschaft den „Krieg der Jahre“ mit einer religiösen Gesellschaft führt. Nehmen wie mal das Christentum als Opposition.
Die religiöse Gesellschaft nennt sich Christen nach Christus und sagt das sie Schwert Christus führen um die Sünder gegen Christus Willen, wie in der Bibel geschrieben steht, zu richten.
Die atheistische Gesellschaft, die eine wissenschaftlichen Erklärung für den Ursprung hat, nennt sich daraufhin Christuskinder. Wobei die Christuskinder vehement vertreten das es keinen Christus, kein Christentum und auch keine Bibel gibt und das Christen religiöse Fanatiker sind. Jessesmariaunjosef! Ist das haarsträubend!

Ich habe keine Ahnung wie man es für eine gute Idee halten konnte Kindred mit Kainskind zu übersetzten.

Einmal davon abgesehen, dass ich mir sprachlich den Kopfzerbrechen darf, ob jetzt die Kainskinder oder die Kainiten nicht an Kain als Vater aller Vampire glauben Vorallem weil Kainit immerhin nicht noch das direkte Kindsverhältnis drin hat!

Ich mein, wenn ich mich entscheiden müsste, ob das Christuskind oder der Christ nicht an Christus glaubt – und gewalttätig wird wenn Christus-Gläubige da sind – würde der Christ vermutlich gewinnen. Weil der nicht mit der Selbstbezeichnung behauptet das Kind von Christus zu sein.

Daneben, wenn wer behauptet er gehört zu einer Gruppe Seelenverwandter, kann ich verstehen. Wenn wer behauptet er gehört zu den Kainskinder? Das ist kein normaler Begriff.

Insofern, meine Hoffnung an die kommende V5 auf deutsch bei Ulisses:

Ein Begriff für Kindred, der nicht „Kain“ enthält
Bitte, Bitte, Bitte

(InJoke) Selbst „Lutscher“ fände ich als Selbstbezeichnung besser!

Kainskind - Rollenspielladen in Freiburg - Facebook Banner
Ausnahme von der Regel: Hat meinen Segen sich Kainskind zu nennen!

Ich mag Kainskind.de, es ist ein toller Laden und ein cooler Name.
Die Behaupten auch gar nicht, dass es Kain bei Vampire nicht gibt.
Wie die Camarilla das tut.

Ich mag die Bezeichnung Kainskind nur nicht nicht als Maskerade taugliche Bezeichnung und am aller, aller wenigsten als Camarilla Begriff für Vampire.

Man könnte ja behaupten, dass es ein malkavianischer Scherz war, dass der Begriff in der deutschen ersten Edition bis V20 drin war? ^.^;

Ein Gedanke zu „Justin Achilli über die Person hinter dem Vampir und die Wichtigkeit der Sprache (Und der größte VtM Übersetzungsfehler)

  1. Interessanterweise hat es gerade die deutsche Fassung der kurzlebigen Vampire-TV-Serie „Kindred: The Embrace“ hinsichtlich der Übersetzung richtig gemacht und mit dem Begriff „Blutsverwandte“ für „Kindred“ gearbeitet; diese Terminologie hat sich in unserer Spielrunde auch eingebürgert, wenn der Begriff „Kainskind“ auch nach wie vor verwendet wird.
    Einen ähnlich sperrigen Begriff finde ich „embrace“, der oft mit „den Kuss schenken“ übersetzt wurde. Das trifft es zwar inhaltlich, aber 100%ig glücklich finde ich das auch nicht. „Bekehren“, wie es bei „Kindred“ verwendet wird, hat eine religiöse Konnotation, die der ursprüngliche Begriff nicht hat.
    In beiden Fällen bin ich mal auf die neue Übersetzung der V5 gespannt (mit „Prinz“ kann ich allerdings, trotz aller berechtigter Einwände gegen den Begriff, auch weiterhin ganz gut leben…).

    Liken

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